Concert Reviews... |
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...Konzert-Kritiken |
| Stuttgarter
Zeitung, 12.07.2002 original
Klavierabend beim Ludwigsburger Festival, 10.07.2002 Nuancieren und Differenzieren nach
dem Sturm
Vor oder nach einem schweren Sturm verfällt
die Natur in einen Zustand von Ruhe und Lethargie. Die Kräfte werden
regeneriert, gesammelt, die Spannung in der Atmosphäre steigt erneut
und entlädt sich dann nicht selten mit brachialer Gewalt in einem
neuen Sturm. Ähnlich war dies am Mittwochabend im frenetisch gefeierten
Konzert der inzwischen in Deutschland lebenden russischen Pianistin Elena
Kuschnerova im Ludwigsburger Ordenssaal.
Von Markus Dippold |
| Stuttgarter
Nachrichten, 16.07.2002 original
Klavierabend beim Ludwigsburger Festival, 10.07.2002 Prokofiev nahm fast den Atem
Mit einem anspruchvollen Programm, das werke unterschiedlicher
Komponisten vom 18. bis 20 Jahrhundert enthielt, rechtfertigte die Russische
Pianistin Elena Kuschnerova ihren Ruf als Ausnahmetalent. So konnte sie
eine stattliche Besucherzahl im Ordensaal des Schlosses restlos überzeugen.
Am Schluss gab es jubelnde Zustimmung und noch drei Zugaben.
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| Frankfurter
Allgemeine Berlin, 29.6.2000
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/ English
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Die Geschichtenerzählerin
Sie gilt in der Pianisten-Branche immer noch als so genannter Geheimtipp. Trotz bester Referenzen wie einem Abschluss mit "besonderer Anerkennung" am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium und mehrerer glänzender CD-Kritiken - so wurde ihr der Vierteljahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik für die Prokofjew-Einspielungen mit dem Südwestrundfunk Baden-Baden verliehen - ist ihr der Aufstieg in die heiligsten Hallen bislang verwehrt geblieben. Die weltbesten Orchester und die weltweit renommiertesten Podien haben sie bislang nicht erlebt, auch eine entsprechend karrierefördernde Plattenfirma versäumte es bis zum heutigen Tag, sie unter Vertrag zu nehmen. Die Gründe dafür sind hausgemacht. Der sogenannte Klassikmarkt, zumal im Bereich Klavier, ist umkämpfter denn je. Wer sich, und sei es durch verrückte pianistische Taten oder Extravaganzen, einen Namen macht, hat es leicht, wer es nicht tut, hat es schwer. Es reicht eben kaum; sehr gut oder noch besser Klavier zu spielen und dazu über eine gehörige Portion Individualität zu verfügen. Elena Kuschnerova, wie so viele pianistische Höchstbegabungen russischer Herkunft, seit acht Jahren aber in Deutschland zu Hause, kann für sich das Kompliment in Anspruch nehmen, zu dieser Sorte von Künstlern zu zählen, denen der Gang aufs Treppchen erst noch bevorsteht - so denn jemand sie an die Hand nimmt. Ihr anschlagstechnisch kultiviertes, technisch überlegtes Spiel ist von einer enormen Vielfalt an Klangfarben und Ausdrucksvarianten geprägt, ihr Sinn für Formabläufe ebenso stupend wie ihr Vermögen, auf dem Flügel spannende Geschichten zu erzählen. Zum Beispiel kleine Skrjabin-Geschichten. Auf ihrer Anfang dieses Jahres erschienenen CD (siehe F.A.Z. vom 3.3.2000) spielt Elena Kuschnerova die Etüden op. 8, die vierundzwanzig Preludes op. 11 sowie die zwei Poemes op. 32 von Skrjabin. Jedes Stück ein kleines Kleinod, voller kleiner Geheimnisse, mal zart, mal wuchtig, immer wieder mit überraschenden Wendungen, dabei stets eingebunden in den zyklischen Gesamtentwurf. Kuschnerova vermag es, mittels einer organisch den Atem der Musik aufnehmenden und dem Hörer eindringlich vermittelnden Rubato-Kultur sowie eines differenzierten Klangbildes jedem dieser Stücke einen sehr persönlichen Charakter zu verleihen, ohne die Beziehung zwischen diesen unterschiedlichen Charakteren und ihren Geschichten außer Acht zu lassen. Wie fein gezeichnete Personen in einem Tschechow'schen Theaterstück, die gemeinsam auf der Bühne stehen, verhalten sich die Miniaturen zueinander. Und jeder von ihnen hat etwas sehr Persönliches zu sagen. Kuschnerova verweist mit ihrer poetischen Lesart der Etüden, Préludes und Poèmes auch auf das enge Verhältnis von Skrjabin zu Chopin. Dabei zeigt sie zugleich auf, an welchen Stellen das Vorbild deutlich durchscheint, doch gleichermaßen, wo der Jüngere sich vom Älteren emanzipiert, wo er sich gleichsam agogisch und in harmonisch kühner Wendung freischwimmt. Heute Abend hat Skrjabin frei, an seine Stelle tritt ein nicht minder bekannter Landsmann. Elena Kuschnerova spielt die "Bilder einer Ausstellung" von Mussorgski, dazu Stücke von Chopin und Liszt. Man sollte es sich nicht entgehen lassen. JÜRGEN OTTEN Heute Abend, 20 Uhr, Kammermusiksaal der Philharmonie, Herbert-von-Karajan-Straße 1, Tiergarten. |
| Frankfurter
Allgemeine Berlin, 29 June 2000
The Storyteller
In the world of pianists she remains known only to a special few. Despite top references, such as a diploma with Top Honors from the Tchaikovsky Conservatory in Moscow and numerous glowing reviews of her CDs (including the Quarterly Prize of the German Recording Critics for her Prokofief CD with Sudwestfunk in Baden-Baden), the ascent to the top halls has remained denied to her. She has yet to experience the world's top orchestras or the world's most renowned podiums, and the recording companies that could have supported her career continue to neglect signing a contract with her. The reasons for this are homemade. The so-called Classical Music Market, at least for pianists, is more competitive than ever before. Whoever succeeds in making a name for himself, be it through crazy pianistic deeds or sheer extravagance, has it easy. If you don't play the game, life is hard. It is hardly sufficient anymore to play piano exceedingly well or even better, combining this with a proper portion of individuality. Elena Kuschnerova is an artist who can accept the compliment of belonging to this latter category; one whose ascent lies in the future when someone will take her by the hand. She comes from Russia like so many supremely talented pianists, and has lived 8 years in Germany. Her sophisticated and cultivated touch and her technically superior playing is molded with an enormous array of tonal colors and variety of expression, her sense of form is just as stupendous as her ability to tell exciting stories on the piano. For example, the stories of Scriabin. In her CD that appeared at the beginning of the year (see the FAZ of March 3, 2000), Elena Kuschnerova plays Scriabin's Études Opus 8, the 24 Préludes Op. 11 as well as the 2 Poèms Op. 32. Every piece is a small jewel, full of small secrets, sometimes tender, sometimes massive, but always with surprising changes yet always contained within the cyclical nature of the complete work. Through a rubato that stems from the breath of the music and urges itself upon the listener together with tremendous tonal control, Kuschnerova succeeds in giving each individual piece its own very personal character without allowing the relationship between their differing characters and their stories to be lost. These pieces interact with one another, as do finely defined people in a play by Chekov; despite standing together on the stage, each one of them has something very personal to say. With her poetic reading of the Études, Préludes and Poèms, Kuschnerova shows the close relationship of Scriabin to Chopin. She shows where the earlier master's example comes through, but equally demonstrating where the younger composer has freed himself from the older; where he, so to speak, swims freely both with agogic and harmonically bold changes. Tonight, Scriabin has the evening off. In his stead Elena Kuschnerova will be playing the "Pictures at an Exhibition” from a no less well known fellow countryman, Mussorgsky. In addition, there will be works by Chopin and Liszt. This is not an opportunity to be missed. JUERGEN OTTEN |
| Berliner
Morgenpost, 3.7.2000
Klavierabend in Berlin, 29.06.2000 Furioser Einstand der Pianistin
Die Russen kommen! Die Generation nach Emil Gilels, Igor Shukow und Nikolai Petrow drängt mächtig nach vorn. Sie gibt Klavierabende von solcher Qualität, dass man mit dem Aktualisieren der pianistischen Bestenliste kaum noch nachkommt. Schier unerschöpflich scheint das Reservoir an neuen Talenten zu sein, die sich freier und früher, relativ rasch auf westlichen Podien bewähren und sie sind alles andere als kühle, gedrillte Klaviertechniker. Eine staunenswerte Phalanx, der eines gemeinsam ist: eine absolut perfekte Beherrschung des Instruments. Das aktuelle Beispiel ist Elena Kuschnerova. Sie ließ sich anlässlich eines Benefizkonzertes für die Sommerschule Wust erstmals im Kammermusiksaal der Philharmonie hören. Eine famose Debütantin aus Moskau, die seit 1992 in Deutschland lebt und deshalb die Frage aufwirft, warum sie sich erst jetzt vorgestellt hat. In manueller Hinsicht rechtfertigt sie alle Vorschusslorbeeren. Und ihr Interpretationsstil? Sie hat, im besten Sinne, keinen, der sie einengt. Sie lässt sich vielmehr mit einer bewundernswerten Verwandlungsbereitschaft ganz auf die stilistische Vielfalt des jeweiligen Werkes ein. Den Zyklus «Bilder einer Ausstellung» von Modest Mussorgsky bringt sie zu wunderbar suggestiver Erfüllung. Die wechselnden Eindrücke eines Galeriebesuches lassen keine Wünsche nach Imagination, Farbigkeit und Plastizität offen. Die spielenden Kinder in den Tuilerien, die Küchlein in ihren Eierschalen und die Marktweiber von Limoges: Sie alle tobten wie im Zeitraffer vorüber. Der Ochsenkarren bewegte sich flott durch die Landschaft. Auch alle übrigen Tableaux waren ebenfalls völlig exakt umrissen. Und als Elena Kuschnervova schließlich in das wuchtige, aber nie dröhnende «Große Tor von Kiew» einbog, war das der majestätische Abschluss einer famos fantasievollen Museums-Promenade. Auch eine Chopin-Spielerin von hohem Rang ist Elena Kuschnerova offenbar. Das Des-Dur-Nocturne aus Opus 27 schwebte leicht, luftig und duftig wie in einem Federflug vorüber. Die f-Moll-Ballade op. 52 erzählte detailgetreu und schön beredt ihre imaginäre Geschichte. Danach die «Wasserspiele der Villa d'Este», die zehnte ungarische Rhapsodie, Petrarcas Sonett Nr. 104 und der Mephisto-Walzer von Franz Liszt. Alle vier Stücke waren kein Anlass für Elena Kuschnerova zu plakativem Oktavengedonner oder vordergründigem, hohlem Diskantgeklingel. Sie riskierte einiges, sie legte sogar ein gesteigertes Tempo vor, das einige Grifffehler befürchten ließ. Sie unterliefen ihr dennoch nicht, und alles, was eine Liszt-Interpretin von einem ordentlichen in den außerordentlichen Rang erhebt, wurde spürbar: wirbelnde Bravour und rauschende Brillanz in Verbindung mit einer fein erfühlten, reich erfüllten Poesie. W. S. |
| Dresdner
Neueste Nachrichten, 17.01.2001
"Diabolische Kaskaden" mit Dynamik und Farbigkeit gemeistert 293. Galeriekonzert mit der jungen russischen Pianistin Elena Kuschnerova Dieses Galeriekonzert glich einem Wechselbad der Gefühle. Das Beste kam zweifellos zum Schluss, als die junge russische Pianistin Elena Kuschnerova den Born der reichhaltigen heimatlichen Klavierliteratur üppig sprudeln ließ und hier Überragendes leistete. Strawinskys Klavierfassung von drei Sätzen aus seinem Ballett "Petrouchka" gehört wegen der virtuosen Instrumentierung der Tastatur, der unglaublichen Ansprüche an die Sprung- und Schlagtechnik zum Schwersten, was die Gattung zu bieten hat. Aber für Elena Kuschnerova konnten die technischen Hürden nicht hoch genug liegen - Schwierigkeiten kannte sie in dieser Hinsicht überhaupt nicht. Und so spielte sie sich in den "diabolischen Kaskaden" in einen wahren Rausch hinein, in Dynamik und Farbigkeit kaum zu schlagen, von knisternder, atemlos machender Spannung vorwärts getragen. Ähnlich glücklich wurde man mit Tschaikowskys intimen Stimmungsbildern, den "Jahreszeiten", in denen die Pianistin zuerst hingebungsvoll am Kamin träumte (Januar), um dann temperamentvoll die Freuden des Karnevals (Februar) zu genießen. In diesen Miniaturen erschloss Elena Kuschnerova pianistisch grandios und gestalterisch klug tiefere Dimensionen. Vor Strawinsky und Tschaikowsky bot die Pianistin ein "buntes Programm", das vor allem geeignet war, ihre zweifellos vorhandene blendende Virtuosität und technische Brillanz zu betonen. Doch mit der Aneinanderreihung von virtuosen Zugstücken wurde das Ganze mit der Zeit einförmig. Zudem erlag Elena Kuschnerova immer wieder einmal der Gefahr, stilistische und klangliche Unterschiede zu verwischen. Das ging gleich mit Bachs Italienischen Konzert los, für das ich mir vor allem ein anderes Instrument gewünscht hätte und ein weniger grobflächiges Herangehen, das dem von Bach konzipierten reizvollen Wechsel von Tutti und Solo mehr Raum gegeben hätte. Dieses Eingangswerk bot die ideale Verbindung zu dem von Professor Harald Marx zu besprechenden Bild von Domenico Fetti "Das Gleichnis vom verlorenen Groschen". Nach Scarlatti und Mozart - dessen Paisello-Variationen erklangen in kultivierter Manier - folgte Beethovens beliebtes Rondo a capriccio G-Dur, "Die Wut über den verlorenen Groschen". Hier durfte Elena Kuschnerova mit Leidenschaft Elan über die Tasten toben und wirbeln. Formal gab es an der Auseinandersetzung mit Mendelssohn Bartholdys wunderschönem Rondo capriccioso E-Dur op.14 nichts auszusetzen, was fehlte, waren der kantable südliche Schmelz, die Wärme des Ausdrucks. Auch Schumann ließ Elena Kuschnerova an diesem Abend nicht aus. Sie wählte die Abegg-Variationen op. 1, ein gemütvolles, dem Zeitgeschmack entsprechendes Stück eines Einundzwanzigjährigen. Dann kam die russische Literatur - inklusive unermüdlich gewährter und den eigentlichen interpretatorischen Schwerpunkt der Pianistin verratenden Zugaben (Skrjabin, Ljadow, Mussorgski). Und dabei konnte einem nun wirklich das Herz aufgehen. M. HANNS |